Bielefelder Sommer: Mario Rom's Interzone im Bielefelder Kunstverein, 10. Juni 2017

Interzone, die Band um den österreichischen Trompeter Mario Rom, spielt Jazz nach dem Motto „Alles ist erlaubt“ - so lautete auch eine der Kompositionen, die an einem lauen Juniabend im Hof eines ehemaligen Adelssitzes in Bielefeld erklangen. Mit ihrer einzigartigen Bühnenenergie war das Dreigespann, neben Mario Rom gehören Lukas Kranzelbinder (Bass) und Herbert Pirker (Schlagzeug) zu Interzone, bereits in Mexiko, China, Israel und in den USA unterwegs. Nun gastierten die drei mit positiven Kritiken bedachten Musiker in Ostwestfalen, ehe sie sich aufmachen, um auf sechs Festivals in Kanada ihre neuste CD vorzustellen.


William Seward Burroughs II war zugegen

Dass der Name des Trios und auch so manche Anregung für Kompositionen unmittelbar mit dem Autor der sogenannten Beat-Generation William Seward Burroughs II in Verbindung zu bringen ist, weiß nur derjenige, der das Trio kennt. Für alle anderen Konzertgäste wies Lukas Kranzelbinder im Konzert darauf hin. Er übernahm auch die Moderation des Abends, mit Sinn für Humor und Kurzweil. Nicht etwa der Boss – so bezeichnete Lukas Kranzelbinder Mario Rom – führte das Wort im wahrsten Sinne des Wortes, sondern der Bassist des Trios. „In den letzten sechs Jahren habe Mario kaum geredet, und er glaube auch nicht, dass sich das zukünftig ändern werde“ fügte Lukas Kranzelbinder verschmitzt einer seiner Ansagen an.


Interzone – was?

„Interzone“ ist eines der frühen Werke von Burroughs. Es ist eine Sammlung von Kurzgeschichten. Der Titel wurde von der „Internationalen Zone in Tanger" (Marokko) inspiriert, in der der Autor eine Zeit lang gelebt hatte. „Interzone“ steht aber auch für den Musiker John Zorn, der eines seiner Alben so nannte. Jedoch konnte sich jeder der Anwesenden im Innenhof des Bielefelder Kunstvereins – dieser residiert in einem ehemaligen Adelshof aus dem 16. Jahrhundert, erbaut im Stil der sogenannten Weserrenaissance – selbst davon überzeugen, dass Mario Rom, Herbert Pirker und Lutz Kranzelbinder musikalisch keineswegs in die Fußstapfen Zorns traten, sondern, wenn überhaupt, hier und da ein wenig Post-Bebop pflegten.

Post-Bebop oder nicht – das war die Frage

Dem Gedanken an Bebop verfiel der Berichterstatter auch, weil die drei Herren, die sich bei einem Video auf ihrer Webseite als Herren mit Bärten vorstellen, nicht nur eben Bartträger sind, sondern an diesem Konzertabend durchaus in gutem Zwirn auftraten, wenn auch nicht mit weißer Krawatte und schwarzem Anzug, wie dies bei den Musikern des Bebops durchaus üblich war. Der schwarze Anzug wurde an diesem Abend durch einen grau-melierten und sandfarben-grauen Zwirn ersetzt. Doch dieses Bühnenoutfit war eigentlich Nebensache. Im Fokus stand die Musik eines Trios, das überaus gut harmonierte. Das germeinsame Spiel war nur durch wenige nonverbale Gesten durchzogen, sodass man sagen muss, dass sich das Dreigespann blind verstand.


Vogelgezwitscher trifft nicht nur „Jazz is Disco Music“

Die Spielsituation unter freiem Himmel war nicht einfach. Entfernter Verkehrslärm schwappte in den Adelshof. Vögel zwitscherten, tschilpten, pfiffen und jubilierten – vielleicht auch als Antwort auf die melodischen Linien, die Mario Rom seiner Trompete mit Leichtigkeit entlockte. Auf das Glockengeläut wie bei den nachmittäglichen Proben mussten die überaus zahlreich erschienenen Konzertbesucher allerdings verzichten, obgleich sich Lukas Kranzelbinder das als Intermezzo sehr gewünscht hätte, wie man seinen Bekundungen beim Soundcheck entnehmen konnte.


„Minimalistische“ Instrumentierung eines Wiener Dreigespanns

Kurz noch ein Wort zur Instrumentierung des Trios: Herbert Pirker saß hinter einem sehr minimalistisch bestückten Schlagzeug, bestehend aus Bass Drum, Hänge- und Stand-Tom sowie Snare, dazu zwei große Becken und Hi-Hat. Da gibt es ganz andere Drummer, die gleich mit zwei Bass Drums mit einer Vielzahl von Becken und Toms aufwarten. Dass das alles nicht notwendig ist, wenn man mit tänzelnden Handbewegungen für Timing und Beats sorgt, unterstrich Herbert Pirker an diesem Abend nachhaltig. Lukas Kranzelbinder zeigte auf seinem Tieftöner auch dessen rhythmische Spielflächen bis hin dazu, dass es einige Stücke gab, bei denen man an Rockabilly und Rock 'n-Roll-Rhythmen denken konnte. Schließlich war da der „Boss“ von „Interzone“, Mario Rom, der in seinen Händen eine umgestaltete Konzerttrompete hielt, die Dreh- statt Pumpventile und ein leicht gebogenes Schallstück besitzt. Nein, man darf da nicht an Dizzie Gillespies steil nach oben gerichtetes Schallstück denken. Mario Rom bevorzugt eine Artleicht  s-förmig gebogenes Schallstück. Dass er durchaus samten-sanft, aber auch röhrend, prustend sowie darauf rauschend zu spielen in der Lage ist, bewies er während des Konzerts.

„Alles ist erlaubt“ machte den Anfang

Auf dem Programm standen Stücke aus den letzten beiden Alben. Dabei ist das letzte Album zunächst nur in den USA und Kanada erschienen. Erst im Spätherbst dieses Jahres wird das Album auch in Deutschland auf dem Markt sein. Dennoch hatte sich das Wiener Dreigespann für einen Mix aus den beiden Alben entschieden. Zu hören waren u. a. Kompositionen wie „Real Icon“, „Choose Your Vision“, „Milking Of The Mugwumps“, „Hans“, „aus einer Zeit, da wir noch mehr gesungen haben „(Lukas Kranzelbinder) und als eine der beiden Zugaben „Blue Velvet“ – und das, obgleich nach Vorgabe des Veranstalters pünktlich um 22 Uhr Schluss sein sollte.


Bei den ersten Takten von „Everything Is Permitted“ dachte der Berichterstatter wirklich an den Jazz der 50er und frühen 60er Jahre. Weich und schmeichlerisch waren die Trompetenklänge, fern ab von ätzend-giftig oder gar marktschreierisch. Nur hier und da gab es einen Ausbruch, ein Zipp und ein Zapp, derweil Herbert Pirker mit tänzerischer Leichtigkeit seine Sticks über Felle und Becken streichen ließ. Die starke rhythmische Note des Songs beförderte Lukas Kranzelbinder mit seinem Spielduktus. Stets aber stand das Melodische im Fokus, auch und besonders bei einem Duett von Mario Rom und Lukas Kranzelbinder. Sie zeigten sich verspielt, und man hatte den Eindruck, Balladenhaftes werde vorgetragen. Als Herbert Pirker für mehr Drive sorgte, schien es, als ob melodische Nebelschwaden oder Federwolken sich ausbreiteten – dank an Mario Rom, der gleichsam als Gegenposition einem ausgeprägten Lyrizismus frönte. Bereits beim ersten Stück wurde auch klar, dass Mario Rom zwar eine tragende Rolle in der Band hat, aber keine dominante, wenn auch die Hörfarbe schon durch die Trompete bestimmt wurde. Neben dem besagten Duett zeigte sich der Bassist der Band auch solistisch, in einem wellenförmigen Auf und Ab, einem Wasserschwall gleichend. Die Saiten schnurrten und schnarrten auch gelegentlich, ehe man dann Augenzeuge eines kleiv erhaltenen „Tanzes des Derwischs“ wurde, was wiederum Mario Rom geschuldet war.


Im Charakter anders angelegt war „Real Icon“, getragen, verhalten, ein wenig auch als Lamento angelegt. Herbert Pirker passte sich diesem Klangbild mit sehr sensiblem Besenspiel überaus angemessen an. Im weiteren Verlauf drängten sich den Zuhörern Assoziationen wie Hymne und Lobgesang ebenso auf wie Blaskapellen-Humpda – nur durchscheinend und nie lang anhaltend. Verfiel der Bassist nicht gelegentlich in rockige „Riffs“? Überhaupt schien der Bassist der Tongeber und „Dirigent“ der Band zu sein, zentral positioniert und nicht wie sonst üblich im Rückraum der Bühne stehend. Übergangslos hatten die Musiker übrigens „Real Icon“ um „Broken Image of Man“ erweitert. Den wenigstens der Anwesenden dürfte das aufgefallen sein, hätte Lukas Kranzelbinder als „Conférencier“ nicht nachfolgend darauf hingewiesen.

Die Wahrheit ist zu schlucken ...

Aus dem Ende des Jahres in Deutschland erscheinenden Album stellte die Band dann „Truth Is Simple To Consume“ und „Choose Your Vision“ vor.


Der erste Song hatte eine sehr rockige Anmutung, was dem Bassisten und Schlagzeuger zu verdanken war. Da konnte man den Eindruck gewinnen, sich für kurze Momente irgendwie zwischen Bo Diddley und Chuck Berry verirrt zu haben. Songhaftes war auf alle Fälle zu hören. Mario Rom hatte dabei die Rolle des Erzählers, der mit „Sprechgesang“ ähnlich wie Leonard Cohen eine Geschichte vorträgt. Im Verlauf des Songs entwickelten sich außerdem Formen freieren Spiels, bei dem sich die Trompete hier und da in ein reines Atemrohr verwandelte.

Bei „Words Of Advice“ fühlte man sich anfänglich nach New Orleans versetzt, ehe sich dann ein vibrierendes Trompetenspiel durchsetzte und auch Donner (Bass) und Getöse (Drums) eine gewisse Rolle spielten.

Milking of the Mugwumps

Mit den Worten, dass es auch vertane Gelegenheit geben kann – so sei das erste Album der Band „Nothing Is True“ nicht mehr zu erwerben – verwies der Bassist darauf, dass man CDs und Vinyl mitgebracht habe. „Auch Tonträger sind vergänglich!“ fügte Lukas Kranzelbinder an, deutlicher Fingerzeig für alle, unbedingt einen Tonträger zu kaufen. Man würde diesen auch unterschreiben, war das Versprechen.


Auch wenn das besagte Album „Nothing Is True“ ausverkauft ist, zu hören gab es daraus dennoch etwas: „Milking of the Mugwumps“. Mugwumps entstammen der Fantasie des oben erwähnten drogenabhängigen Schriftstellers Burroughs. Es sind Wesen, die man tatsächlich wie Kühe melken kann. Wie sie ausschauen, verriet Lukas Kranzelbinder nicht. Doch wie das Melken sich musikalisch anhört, das konnte die Zuhörer erleben. Psychodelischen Rock gab es allerdings nicht auf die Ohren. Auch Halluzinogene für solistische Höhenflüge wurden nicht verteilt, aber akustischen Budenzauber erlebten wir dennoch.

Jazz ist Disco Music

Gelegentlich sind die Geschichten rund um einen Titel so abstrus und absurd, dass solche Geschichten sich ins Gehirn einbrennen und der Song weit weniger. In den letzten drei Jahren, so Lukas Kranzelbinder, sei man zu einem European Jazz Festival nach Katar eingeladen gewesen, veranstaltet u. a. durch die Botschaften der Schweiz, Österreichs und Deutschlands. Doch sechs Mal habe man eine Absage erhalten, ein bis zwei Wochen vor dem Termin, für den man schon Flugtickets gebucht und Termine frei gehalten hatte. Nur einmal habe es eine Begründung gegeben. Der Besitzer des Sieben- oder 12-Sterne-Hotels, in dem das Ereignis stattfinden sollte, habe es abgelehnt, Disco Music in seinem Haus spielen zu lassen. Jazz sei ja schließlich Disco Music, so der Hotelier. Aus dieser skurrilen Situation heraus entstand. „Jazz is Disco Music“. Harte Beats und ein schöner Melodiefluss jenseits der erwarteten Disco Music einer Grace Jones umgarnte die Zuhörer.


Übrigens auch einen „Gesangstitel“ gaben die Herren aus Wien zum Besten, nämlich „Hans“, ein teilweise mit einer Blues-Note gewürzter Song, bei dem immer mal wieder aus drei Kehlen „Hans“ erklang. Eine gewisse Komik war dabei durchaus zu verspüren. Wundert es? Nein, denn Interzone steht ja auch für „Alles ist erlaubt“!

Blue Velvet zur Guten Nacht?

Wer „Blue Velvet“ liest, denkt vielleicht an den 1950 von Bernie Wayne und Lee Morris komponierten und betexteten Song. Dieser ist einer Dame gewidmet, die Bernie Wayne beim Besuch des Jefferson-Hotels in Richmond (Virginia) sah. 1951 wurde dieser Song mit Tony Bennett ein Top-20-Hit.

Nach dem Motto „Alles ist erlaubt“ nahmen sich Mario Rom und Co diesen durchaus schnulzigen Pop-Song der 50er Jahre vor. Nein, im Gegensatz zu „Hans“ beließen es „Interzone“ bei einer Instrumentalnummer, sodass man sich tiefgründige Zeilen wie „ She wore Blue Velvet / Bluer than velvet was the night / Softer than satin was the light / From the stars“ antun musste. Dünensand und Wellenschlag, wie in dem Musikvideo der Band zu „Blue Velvet“, fehlte im ehemaligen Adelshof auch. Stattdessen erklang weich gezeichnet die Trompete.

Zeitweilig wurde man an das Spiel einer Hauskapelle erinnert, die Paare in einer verrauchten Cocktail-Bar zum Engtanz einlädt. Musikalisches Schluchzen, Seufzen und „Stöhnen“ war bei Mario Roms Vortrag mit eingeschlossen. Das Publikum war jedoch wenig auf ein Ende des Abends eingestellt, was anhaltend langes Klatschen verdeutlichte. So ließen sich die drei Herren aus Wien noch zu einer weiteren Zugabe verleiten, bei der das Publikum durch Zustimmungsbekundungen die Qual der Wahl hatte, um sich von zweien einen Titel zu wünschen. Dann waren alle zufrieden, Musiker, Veranstalter, Publikum – ein nachhaltig im Gedächtnis bleibender Konzertabend war vorüber.


Fotos und Text: ferdinand dupuis-panther


Informationen

Mario Rom's Interzone
http://www.mr-interzone.at/
https://marioromsinterzone.bandcamp.com/




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