Bielefeld: ein zweiter frühlingshafter Weihnachtstag mit Jazz (2015)

Die diesjährige Benefizveranstaltung für die Jugend- und Kulturarbeit des Bunker Ulmenwall e.V. sah nicht nur Jazzmusiker auf der Bühne der Rudolf-Oetker-Halle, sondern auch Musiker, die sich auf Adaptionen aus Rock, Pop, Jazz und Weltmusik verstanden. Zwischen Seekers und Peter, Paul and Mary bewegte sich das Kommando Ukulele, das mit ihrem vielstimmigen Gesang das Publikum vorab willkommen hieß.

Zu hören war auch die Little Bigband (LBB). Dies ist keine Big Band, wie man sich zunächst einmal eine Big Band vorstellt. Sie besteht aus zwölf Musikern und mischt dabei auf beinahe blasphemische Weise verschiedene Musikstile. Rahat & Freunde boten eine frische Mischung aus Jazz, Soul und Hip-Hop, während The Name Abides kolossalen Kontinental-Britpop mit einer gehörigen Prise Indie-Rock zum Besten gaben. Für die Berichterstattung konzentrierte ich mich auf das Musikprogramm im Foyer, da die einzelnen Gigs an unterschiedlichen Orten beinahe zeitgleich stattfanden, sodass man eigentlich von einer Wandelkonzertveranstaltung sprechen müsste.

Vorhang auf für Malagu

Anfänglich noch spärlich besucht, lief das Foyer dann nach und nach voll und über. Andreas Gummersbach, der Sopransaxofonist des Trios, bemerkte dazu: „Na ja dachte ich, 40 Zuhörer, als ich mir den Raum so anschaute. Nun aber sind es eigentlich gefühlte 400.“ Malagu ist nicht etwa eine Jazzformation, bei der Ost auf West trifft oder Orient auf Okzident. Auch Indien und Europa begegnen sich nicht, auch wenn das der exotisch klingende Bandname nahelegt. Die Karibik ist auch musikalisch sehr weit entfernt, wie der Zuhörer schnell bemerkte. Mediterranes mischte sich mit einer Prise Südamerika, könnte man vielleicht noch am ehesten sagen. Der Name der Band besteht übrigens schlicht aus den beiden ersten Buchstaben der Nachnamen der Bandmitglieder. So schlicht und einfach kann ein Bandname sein, der nach Exotik klingt!

Neben Andreas Gummersbach, der ein „nicht-klassisches“ gekrümmtes Sopransaxofon spielte, das so ausschaute wie eines, dass Clowns bei Zirkusnummern zum Einsatz bringen, sorgte Klaus Latza für die Grooves, spielte mit Besen und Fingerspitzen die Bleche und die afrikanischen Trommeln an, ließ hin und wieder die Finger über den Klangbaum streichen. Am Saiteninstrument erlebten wie Manfred Matura, der zwei akustische Gitarren, wenn auch verstärkt, mit ins Spiel brachte. Es erklang eine Musik, die zu den frühlingshaften Temperaturen passte, mediterran angehaucht und mit südamerikanischen Rhythmen durchzogen, auch wenn die Finger von Klaus Latza auf afrikanischen Trommeln schlugen.

Neben Eigenkompositionen, so „Remember Your Face“ von Manfred Matura oder „Buskers Serenade“ und „Buskers Dream“, gleichfalls vom Gitarristen der Gruppe komponiert, „verneigten“ sich die Musiker des Trios zum einen vor Ralph Towner als „If“ – fast schon ein Klassiker des Jazz – und „Salvador“ von Egberto Gismonti erklangen. Vor dem Ende des Auftritts luden die Drei noch zu einem „Tango terapeutico“ aus der Feder von Andreas Gummersbach ein. Angesichts der drangvollen Enge im Foyer konnte aber niemand dazu eine flotte Sohle aufs Parkett hinlegen. Dass wir im Winter dem Gesang der Zikaden lauschen konnten, verdankten wir ebenfalls Andreas Gummersbach, der uns mit seinem Sopransaxofon in den Süden Frankreichs entführte. Dabei spielte er vom Ansatz her sein Instrument bisweilen so, als wäre es eine Klarinette – samten und weich. Das Leben und das Reisen als Straßenmusiker durch italienische Städte fing das Trio gekonnt in „Buskers Serenade“ ein. Schloss man die Augen, so konnte man sich vorstellen, wie Manfred Matura und Andreas Gummersbach stets auf der Suche nach einem geeigneten Spielort waren, wahrscheinlich auch immer auf der Hut vor dem Auge des Gesetzes. Ging es da nicht durch enge mit Kopfsteinen gepflasterte Gässchen und über Treppenstraßen zur Piazza und den großen Plätzen, wo man sich in Italien gewöhnlich vor dem Abendessen zum Espresso und Schwätzchen einfindet?

Das Melodiöse stand bei Malagu im Vordergrund. Die improvisierten Zwischenteile glitten nie ab, nahmen immer die Zuhörer mit und führten diese gekonnt wieder zum Thema zurück, sei es dass Manfred Matura seine Finger über die hohen Saiten „gleiten“ ließ oder Andreas Gummersbach sich zu den höchsten Tönen aufschwang. Derweil drängte sich Klaus Latza nie auf, der doch auf große Becken, Hi-Hat und Basstrommel verzichtete. Statt dessen galt es für ihn, die Felle der afrikanischen Trommeln und sein Cajón zum „Schwingen“ zu bringen. Das geschah behutsam und nie aufgesetzt. Latza war bei seinem Fingerspiel stets konzentriert und suchte den Blickkontakt mit seinen Mitmusikern. Das war dann immer auch dichter Austausch auf hohem musikalischen Niveau.

Beim Zuhören fühlte man sich streckenweise in die späten 1940er und frühen 1950er Jahren zurückversetzt, als Jazz Pop-Musik war. Pop-Musik hieß damals auch immer Tanzmusik – etwas das spätestens mit dem Bebop und Free Jazz eines Ornette Coleman vollständig verloren ging. Zudem kamen mit Rock 'n Roll auch andere Musikstile auf, die eher massenkompatibel waren, während der Jazz zunehmend intellektueller daherkam. Zu Malagu hätte man schon mal ein bisschen die Hüften schwingen können, oder?

Das Kämper-Waechter-Duo mit Weihnachtlichem

Im zweiten Konzertteil erlebte das Publikum, das nicht mit Applaus, auch Zwischenapplaus geizte, ein Duo, das sich ad hoc zusammengefunden hatte. Der langjährigen Spielpartner von Matthias Kämper hatte einen Schlaganfall erlitten und konnte daher nicht auftreten. So sprang Michael Wächter ein, der seinen zwischen 1910 und 1920 gebauten Tieftöner mitbrachte. Diesen akustischen Bass strich er mit dem Bogen und zupfte ihn dezent, nur leicht verstärkt, um sich gegen die Tastenenergie von Matthias Kämper behaupten zu können.

Dieses Duo bescherte dem Publikum ein Weihnachtskonzert im wahrsten Sinne des Wortes: „Leise rieselt der Schnee“ stand ebenso auf dem Programm wie „Oh Tannenbaum“ und „Maria durch ein Dornwald ging“. Letztes ist ein Adventslied, das erstmals 1850 in gedruckter Fassung vorlag. Den Auftakt zu dem „Weihnachtsoratorium“ machte jedoch ein „Gassenhauer“: „Santa Claus Is Comin' to Town“. Den Abschluss des weihnachtlichen Intermezzos des Kämper-Wächter-Duos bildete der Titel „Paganini“. Allerdings vermisste man in diesem Stück den „Teufelsgeiger“, wenn das Duo auch einen sehr beschwingten Titel spielte. Einen Abstecher in die Geschickte der klassischen Musik unternahm das Duo mit Georg Friedrich Händels „Tochter Zion“. Dabei war dann auch mal der genauere Blick auf die Notierungen auf einem Notenblatt angesagt.

Beim Besuch des Weihnachtsmanns – der hatte sich angesichts des aktuellen Datums wohl verspätet – fiel die starke Basshand von Matthias Kämper auf, die allerdings nicht in einen Walking Bass verfiel, aber dennoch sehr tonangebend schien. Die Linke des Bassisten wanderte – das ist ja die übliche Haltung von Bassisten – am oberen Hals des Tieftöners auf und ab. Die Melodie war auch bei den Paraphrasierungen stets zu entdecken. Nie wurde der Versuch unternommen,  sehr aufwendig von der Melodie abzuschweifen. Das Publikum honorierte dies mit Zwischenapplaus nach Solopassagen.

Im Laufe des Spiel schienen sich beide Musiker frei gespielt zu haben. Matthias Kämper wippte intensiv mit den Füßen und Michael Wächter ließ seine Finger behänd über den Viersaiter „tanzen“. Wie beim Eröffnungsstück so war auch bei dem Weihnachtslied „Leise rieselt der Schnee“ die thematische Struktur durchschaubar. Wer wollte, durfte bei diesem Lied sogar leise mitsummen, falls man nicht textsicher sei – so die Worte von Matthias Kämper ans Publikum gerichtet. So rieselten denn die Schneeflocken – in der Fantasie der Zuhörer bei grauem Himmel und 14 Grad Außentemperatur. Der Klimawandel ließ grüßen. Hier und da schien Kämper auch ein wenig in den Ragtime abzuschweifen, als er das Thema modulierte. Auch Wächter entfernte sich in seinem Solo mehr und mehr von der Kernmelodie, die ja schon als ein wenig schmalzig-schnulzig zu bezeichnen ist. Ein perlendes Spiel auf den weißen und schwarzen Tasten vereinte sich mit den getragenen Basspassagen zu einem harmonischen Ganzen, als die beiden Musiker „Maria durch ein Dornwald ging“ vortrugen.

Nach all dem Weihnachtlichen gab es nachfolgend zwei Standards zu hören. Einer davon war im 3/4-Takt gehalten und vermittelte den Eindruck eines Walzers. Beim Spiel mischten sich energetische Akzentuierungen und perlendes Spiel des Pianisten mit dem brummenden Bass ab. Links herum und rechts herum hieß es – aber niemand verspürte den Wunsch zu zeigen, dass man den Walzer beherrscht. Im Anschluss daran unternahmen wir einen Ausflug in die Welt der Operette, da nun „Softly As In The Morning Sunrise", eine 1928 entstandene Komposition von Sigmund Romberg und Oscar Hammerstein II., vorgetragen wurde. Wäre es keine Operettenmusik, dann ginge der Titel auch als Musik für einen Tanzfilm mit und ohne Fred Astaire durch. Zugaben gab es keine, auch wenn das Publikum augenscheinlich sehr sentimental auf Weihnachten eingestimmt war.

Zwei Generationen vereint in der freien Improvisation

Den Abschluss der Jazzkonzerte im Rahmen der Matinee bildete das spontan gebildete Duo zwischen der in Paderborn beheimateten Langhalslauten- und Wölbbrettzitherspielerin Xu Fengxia und der Saxofonistin Luise Volkmann, die zurzeit in Paris lebt. Es trafen sich dabei zwei Frauen, aber auch zwei Generationen, zudem zwei verschiedene kulturelle Hintergründe. Doch beide hatten das Gespür für die Improvisation, für die Neue Musik und den „schiefen Jazz“, wie Xu Fengxia es eingangs formulierte.

Xus Wurzeln liegen in China, Luise Volkmanns in Bielefeld, auch wenn sie in Leipzig ihr Studium absolvierte. Die eine entwickelt aus der chinesischen. Tradition Neue Musik, die andere transportiert die Geschichte des Jazz ins Heute. Dabei beginnt für Luise Volkmann diese Geschichte eigentlich erst mit Ornette Coleman und nicht etwa mit dem Swing der 1920er Jahre, wie sie mir in einem Nachgespräch zum Konzert erläuterte.

Einmal hatten die beiden bei Xu Zuhause geprobt. Doch was heißt bei Improvisationen schon proben? Die Musik entstand im Moment und aus dem Moment, ob im Duett oder im Solo. Sie war ein absoluter Kontrast zu den vorherigen Darbietungen, energiegeladen, spontan, stets das Mögliche aus der Instrumentierung herausholend, die Wölbbrettzither auch als Schlagwerk einsetzend, den Trichter des Holzbläsers auch mal auf den Oberschenkel drückend, statt einen Dämpfer zu benutzen. Immer waren beide Musiker auch im Blickkontakt. Manchmal gab es durch Xu auch gesangliche Regieanweisung an die mitspielende Partnerin. Beiden Musikern konnte man im gesamten Konzertverlauf ihre Spielfreude und auch ihren Spielwitz anmerken. Das begann übrigens schon beim Soundcheck. Dabei wies Xu lachend darauf hin, dass das noch nicht der Konzertbeginn sei. Bei freier Improvisation kann man das ja nie wissen, oder?

Am Anfang des Konzerts richtete Xu wenige Worte ans Publikum und gab den Hinweis, dass man einmal gemeinsam geübt habe und – ein wenig verschmitzt – dass das sehr sehr gut war. Xu fügte an, dass sie sehr froh sei, dass so viele zu diesem Konzert gekommen seien, trotzt Grrogrrogrro – sie mimte das Trinken von Wein – und Jamjam – sie mimte das opulente Weihnachtsessen und lachte dabei aus vollem Herzen.

Zu Beginn war man Augenzeuge der Begegnung von Langhalslaute und spitztönigem Saxofon. Dabei fiel es Xu zu, durch die Art des Saitenanschlags die Laute zu einem Rhythmusinstrument zu machen. Kurze Akkordsprünge waren zu vernehmen, aber auch Getragenes. Dabei spielten auch die Klappen des Holzbläsers eine musikalische Rolle. Zwischenzeitlich hatte man den Eindruck, es würden ungezählte Dominosteine mit viel Lärm umfallen. Die von Luise Volkmann initiierten Klangwolken waren dezent. Das Saxofon schien zu schwirren und leicht zu schnalzen. Dann gab es abrupt einen spitzen Ton, gleichsam ein kurzer Aufschrei.

Die Improvisation schien in einem steten Auf- und Abschwall, kam wellenförmig daher mit Wellenkamm und Wellental. Hier und da wirkte das Spiel aufgeregt-nervös. Zu den vorhandenen Instrumenten kam im weiteren Fortgang noch Xus Stimme als weiteres Klangelement hinzu. Dabei machte sie auch den Versuch mit dem überaus hörbaren zeitgleich stattfindenden Rockkonzert im Haus zu konkurrieren. Das gelang ihr stimmgewaltig mit Didodexixapititidada oder Ähnlichem. Derweil mutierte der Holzbläser zu einem reinen Atemrohr. Xu drängte sich erneut mit ihrem „Scat Vocal“ – nicht im klassischen Sinne zu verstehen – auf: „Nähmamahahahabahbah ...“ erfüllte den kleinen Konzertraum. Schiffsirenen im Nebel schienen bei diesem Konzert auch gegenwärtig zu sein. Hin und wieder drang neben dem Lautmalerischen wie „Ojajemahamaha“ – so sang Xu – auch ein Wortfetzen ans Ohr der Zuhörer: „Das Neue, Neue ...“. Dabei waren beide Musikerinnen immer darauf aus, einen Spannungsbogen zu konstruieren und eine feine Dramaturgie zu weben.

In der zweiten Improvisation ließ Xu Fengxia den Bogen über die Saiten der Wölbbrettzither streichen. Nein, da war keine Spur von leisem Spiel. Laut musste es sein. Irgendwie klang es nach Grunge oder auch nach Kettensägensound. Klagen und Schreie sowie Rufen waren dem Saxofon vorbehalten. Unablässig spielte Xu die Saiten ihrer chinesischen Zither mit voller Kraft an. Rhythmus, Rhythmus, Rhythmus schien sie im Sinn zu haben, als sie spielte. Dazu ließ sie ihre volle Stimme ertönen, die einen wesentlichen Bestandteil der Improvisation ausmachte. Außerdem  schlug sie mit der Handfläche auf die Saiten, die ab und an so klangen, als würde man bei einem Konzert mit Industrial Rock zugegen sein. Geschickt baute Xu ihre Regieanweisungen in den Spielfluss ein, indem sie sang: „Wir kommen zusammen …, dann geht’s zusammen.“ Zudem waren Satzfragmente wie „Starkes Kind … Sie lebt … sehr, sehr“ wahrzunehmen.

Schließlich brillierte Luise Volkmann auch mit einer solistischen Improvisation. Als Zugabe gab es noch ein ganz, ganz kleines Stück, wie Xu mittels Körpersprache verdeutlichte. Der anhaltende Beifall war den beiden Musikern gewiss, aber auch der führte nicht zu einer weiteren Zugabe. Für den Berichterstatter war dieser Konzertabschluss sicherlich das Highlight eines gelungenen Konzertvormittags am zweiten Feiertag.

Wer sich für das Jahres-Programm des Bunkers Ulmenwall interessiert, der schaue auf die Homepage: http://bunker-ulmenwall.org/.

Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Musiker
Matthias Kämper
http://www.matthiaskaemper.de/

Luise Volkmann
https://soundcloud.com/luisevolkmann

Xu Fengxia
http://www.xu-music.de/deutschstart.htm


 Jazz'halo radio by
DJ Ferdinand Dupuis-Panther:

 

Facebook  

Clemens Communications

Jazz Rules Radio

De Werf

VKH Torhout

 

Special thanks to our photographers:

Annie Boedt
Henning Bolte

Cedric Craps
Christian Deblanc

Koen Deleu
Ferdinand Dupuis-Panther
Anne Fishburn
Robert Hansenne
Stefe Jiroflée
Jos L. Knaepen
Hugo Lefèvre

Jacky Lepage
Nina Contini Melis
Arnold Reyngoudt
Willy Schuyten

Frank Tafuri
Jean-Pierre Tillaert
Tom Vanbesien
Geert Vandepoele
Guy Van de Poel
Cees van de Ven
Geert Vanoverschelde
Patrick Van Vlerken
Marie-Anne Ver Eecke

Jan Vernieuwe

and to our writers:

Robin Arends
Henning Bolte
Danny De Bock
Ferdinand Dupuis-Panther
Paul Godderis
Jean-Pierre Goffin
Bernard Lefèvre
Claude Loxhay
Etienne Payen
Herman te Loo
Georges Tonla Briquet
Iwein Van Malderen