26. International Jazzfestival Münster 2017 – eine persönliche Rückschau

Vorhang auf hieß es am Dreikönigstag für die aus Großbritannien nach Münster gekommene Band Empirical. „The coolest of Britain's young jazz bands." - so lautete das Urteil im „Daily Telegraph“. In seinen einleitenden Worten betonte der künstlerische Leiter des Festivals, Fritz Schmücker, dass sich eines der bisherigen Alben der Band mit der Musik von Eric Dolphy beschäftigt. Das sei gewiss auch als Fingerzeig auf die Orientierung der Band zu begreifen, die seit zehn Jahren zusammenspielt. Die Bühne betraten Nathaniel Facey (alto sax), Lewis Wright (vibes), Tom Farmer (bass) und Shaney Forbes (drums).

Die Beboper sind zurück?

Sicherlich ungewohnt war die Bühnenpräsenz des Quartetts. Beim Anblick der in schicken dunklen Anzügen auftretenden Musiker meinte man, man unternehme eine Zeitreise in die Mitte der 1950er Jahre, als Bebop en-vogue war und zu diesem Genre auch die entsprechende gediegene Kleidung der Musiker gehörte. Nun ja, Thelonious Monk setzte damals dem Ganzen noch die Krone auf. Er kam nicht nur im Anzug auf die Bühne, sondern besaß auch diverse Hüte und Kappen, die er zu tragen pflegte. Darauf verzichteten die britischen Musiker, doch mit ihrer Erscheinung gaben sie schon ein Statement ab.

Cool war das, was musikalisch ans Ohr der Zuschauer drang, manchmal auch mit einer gewissen Sprödigkeit versehen. Das Altsaxofon von Nathaniel Facey verströmte die dominante Hörfarbe, auch wenn am Vibrafon Lewis Wright die metallischen Klangstäbe zum Springen und Schwingen brachte. Lyrisch war das Spiel des 4tet nur bei einer „Ballade“ über den Fluss Lethe, der in der antiken griechischen Mythologie zur Unterwelt gehört. Ansonsten agierte der Altsaxofonist aufbrausend, aufgewühlt, umtriebig, beinahe cholerisch, fordernd und zu Widerspruch neigend. Im Dialog mit Facey war es an Wright am Vibrafon die ausgleichenden Linien zu setzen. So entstand zeitweilig ein weicher durch den Theatersaal schwebender Klangteppich.

Über gesellschaftliche Ängste ließ sich die Band im Laufe des Abends musikalisch gleichfalls aus. Das Stück begann mit dem solistisch abgesetzten Altsaxofon, dessen Harmonie- und Linienführung eher an Aufbruch, Aufregung, Unruhe und weniger an Ängste denken ließ. Redundanzen waren wahrnehmbar, als ein Pochen auf das Bestehende zu interpretieren. Zugleich gab es Bewegung im Spiel, ein stetes Wogen, ein Hin und ein Her.



Bunte Facetten des Flamenco

Das Jazzfestival in Münster ist für Kontraste bekannt. Fritz Schmücker als Spiritus Rector setzte diese konsequent im Programm um, wie man es auch in diesem Jahr wieder erleben konnte.

Nach dem zuvor erlebten Post-Post-Bebop entführten uns der spanische Pianist Dorantes und der franko-spanische Bassist Renaud Garcia-Fons in eine ganz anders geartete Klangwelt. Flamenco in allerlei Nuancen und Facetten präsentierte uns das Duo, dessen jüngstes Album „Paseo a dos“ lautet, „Spaziergang zu zweit“. Kurz und knapp heißt es in der Beschreibung des Programms: „Flamenco für das 21. Jahrhundert auf ungewöhnlichen Instrumenten – Klavier und Kontrabass – gespielt von herausragenden Musikern mit ihren Grundlagen im Jazz, aber einer gemeinsamen Liebe für Flamenco." (The Daily Planet)

Also, Ohren aufgemacht für David "Dorantes" Peña und Renaud Garcia-Fons, der sich ja stets schwertut, die musikalische Federführung aus den eigenen Händen zu geben. Hätte es kein sehr ausführliches Solo des Pianisten Dorantes gegeben – Anleihen an klassische Musik waren dabei eingeschlossen –, wären die Zuhörer allein auf den virtuos spielenden Bassisten fokussiert gewesen.

Flamenco ohne Gesang, Tanz, Kastagnetten und Gitarre, ohne Paco de Lucia, Tomatito oder Manitas del Plata – geht das denn? Ja, das ist stimmig, wie das spanisch-französische Duo im Verlauf des Konzerts unterstrich. Dabei präsentierten die beiden Vollblutmusiker unterschiedliche Spielarten des Flamencos, so Malagueña – gekennzeichnet durch eine langsam getragene Melodieführung – und  Bulería, einer der populärsten und vielseitigsten Palos des Flamencos, durch ausgelassene Stimmung und rasanten Rhythmus bestimmt.

Dorantes wurde der Flamenco schon in die Wiege gelegt, denn sein Vater, sein Onkel und seine Großmutter waren im Flamenco verwurzelt und pflegten diese Musik. Garcia-Fons hingegen ist ein Suchender und Grenzgänger zu begreifen, der auch bei anderen Projekten vor „Fusion“ nicht zurückschreckte. Man denke dabei nur an seine Veröffentlichung „La Linea del Sur“. Auch hier bewies er sein variantenreiches Spiel mit Bogen und Fingern auf tieftönigen Saiten.Bisweilen hatte man den Eindruck, Garcia-Fons schlage nicht den Bogen auf die Saiten, sondern er habe eine Reitgerte in der Hand, mit der er einen feurigen Andalusier durch das Schlagen auf die Flanke zum rasanten Galopp antreibe. Stellenweise meinte man, den Bass auch summen und singen zu hören, derweil sich Dorantes um die rhythmischen Strukturen kümmerte. Dabei vermeinte man, manchmal das Stampfen der Flamencotänzer auf den Dielenbrettern einschlägiger Bars zu hören. Die an den Tag gelegten Tempowechsel standen für das Feurige des Flamencos.

Nachdrücklich blieb das Klaviersolo von Dorantes im Gedächtnis der Anwesenden. Auf dieses solistische Intermezzo folgte ein Basssolo von Garcia-Fons, der dafür seinen Bogen über die Basssaiten tanzen ließ. Das Klangbild, das der Kontrabassist in einer Art Collage vor den Zuhörern ausbreitete, schienvon den Klängen des Orient beeinflusst zu sein. Hier und da dachte der Berichterstatter an wilde Fantasia-Reiterspiele, die in Marokko ihren Platz haben.



"I AM THREE“ – die Musik von Charles Mingus

Die Zeit schien wie im Nu zu verrinnen, auch und gerade mit dem Trio Eberhard/Neuser/Marien, drei Wahlberlinern, von denen zwei aus Nordrhein-Westfallen und mit dem Drummer Christian Marien sogar ein Musiker aus Münster stammen.

Charles Mingus, sicherlich kein einfacher Zeitgenosse, aber ein brillanter Komponist und Bassist, hatten sich die drei Musiker ausgesucht, um sich dessen Musik, von „Opus4“ bis „Eclipse“, in ganz eigener Art und Weise zu nähern. Das Trio, das gleichberechtigt auf Augenhöhe agierte, bestand neben der Altsaxofonistin Silke Eberhard aus dem Trompeter Nikolaus Neuser und dem Drummer Christian Marien, einem Schüler des Münsteraner Schlagzeugers Ben Bönniger.

Vorgestellt wurde unter anderem das bluesig angehauchte, durchaus politisch gemeinte „Oh Lord Don't Let Them Drop That Atomic Bomb on Me“. Weder der Tieftöner noch das Harmonieinstrument Klavier standen dem Trio zur Verfügung. Stattdessen mussten Holz- und Blechbläser deren Rollen übernehmen, was vorzüglich gelang, dank sei der "Verfremdung der Klangfarben".

„The Angry Man of Jazz“ – Kompromisse waren im zuwider, cholerisch war er obendrein und ein Frauenheld außerdem – ist auch „Goodbye Pork Pie Hat“ zu verdanken. Dies spielte das Trio nach lang anhaltendem Beifall als Zugabe. Der Titel entstand kurz vor Mingus‘ Tod – dieser litt an ALS – und ging auf eine Zusammenarbeit mit Joni Mitchell zurück, die auf die Komposition eigene Lyrik setzte. Zu hören ist der Originaltitel übrigens auf dem Album „Mingus“.



Zum Schluss des ersten Tages: "ein Roman des Ungewöhnlichen"

Andreas Schaerer (voc) ist nicht nur vom Dreigespann Schaerer/Rom/Eberle bekannt, sondern auch von „Hildegard lernt fliegen“. Der aus Spoleto gebürtige Akkordeonist Luciano Biondini spielt nicht nur im Duo mit dem aus Cordoba (Argentinien) stammenden und nun in Rom beheimateten Sopransaxofonisten Javier Girotto zusammen, sondern auch mit der Pianistin Rita Marcotulli. Kalle Kalima, seit Jahren in Berlin lebend, aber aus Helsinki stammend, ist unter anderem Mitglied von Z-Country Paradise und bewegt sich in den Gefilden des „Anarcho-Punk-Jazz“, um es sehr platt zu formulieren. Der umtriebige Drummer Lucas Niggli agiert mit Verve in diversen Bands, auch im Trio mit Biondini und dem französischen Tubisten Michel Godard. „Novel of Anomaly“ nennt sich das Quartett, also „Roman des Ungewöhnlichen“, dem an diesem Abend die Bühne im Großen Haus des Theaters Münster gehörte!


Herausragend war gewiss der stimmliche Spagat, den uns am Eröffnungsabend des Festivals Andreas Schaerer bot. Human Beat Box traf auf Oberton-Singen sowie Kopf- auf Bruststimme, perkussive Eskapaden auf Stimmklang fernab von Scat Vocal. Begleitet wurde dies auch stets durch Körperarbeit, durch bewusstes Agieren auf der Bühne, unter anderem auch beim perkussiven Widerstreit mit Lukas Niggli. Es wäre allerdings vermessen, dabei von Pantomime zu reden, obgleich ein gewisser zirzensischer Charakter nicht zu übersehen war. So gab es eben immer auch ein visuelles und nicht nur ein akustisches Erlebnis, das es zu genießen galt.

Teilweise wie ein Berserker agierte Lukas Niggli an seinem Schlagwerk. Dabei war auch viel Blech mit im Spiel. Derweil spielte Biondini sein Knopfakkordeon sowohl rhythmisch wie auch melodisch, stets sich seinen Mitspielern zuwendend, gleichsam zum Duett herausfordernd, ob nun Andreas Schaerer oder aber Kalle Kalima, der auch schon mal über seine Gitarrensaiten mit einer Art Bogen strich und nicht sein Plektrum zum Einsatz brachte. Hier und da gab es m. E. Anmutungen an Pat Metheny und John McLaughlin, aber diese waren flugs wieder vergessen, wenn sich ein akustische Wirbelwind entwickelte, den die „Vierbande“ auf der Bühne entfachte.

Stimmschauer gingen im Theater Münster nieder mit und ohne Duahduah und Dahahohohoh. Zwischendurch hörte man ein Akkordeon, das sich der Musette und Chanson verschrieben hatte. Sang da nicht Schaerer irgendwie auch im Latin-Modus? Klang das nicht ein wenig nach Jazz im Kontext von Jobim und Baden Powell? Dass Schaerer auch ein Stimmperkussionist ist, bewies er im Dialog mit Niggli, auch ohne Wok-Reiniger, Sticks und Besen.

Für die Zuhörer gab es das Erlebnis eines „Rough Ride“ - entstanden während einer Fahrt mit der Deutschen Bahn, so Andreas Schaerer. Ein Augenzwinkern war bei dieser Aussage wohl mit ihm Spiel. Folgte man dem akustischen Bahnerlebnis, so schien es, als würde man sich über ausgefahrene Schienenstrecken bewegen, jede nicht mehr feste Schwelle mitnehmend. Von moderner Neigetechnik war bei dieser Komposition aus der Feder von Lukas Niggli nicht die Rede. Zwischendrin schien man in einem Höllentempo unterwegs zu sein. Infernalische Nebengeräusche waren darin eingeschlossen.

Dass schlussendlich ein holländischer Jodler das Programm abrundete, belegt nur, dass das neu gegründete Quartett Humor beweist, Ironie und Sarkasmus zu schätzen weiß und Jazz nicht allzu bierernst nimmt.



Preisträgerin Westfallen-Jazz: Eva Klesse

Der Westfalen Jazz Preis 2017 wurde vor dem Preisträgerkonzert am 7. Januar 2017 an die zurzeit in Leipzig lebende Schlagzeugerin Eva Klesse verliehen. Die aus dem westfälischen Werl gebürtige Musikerin, die einige Semester Medizin studierte, ehe sie ihrer eigentlichen Leidenschaft, der Musik, folgte, wird als der „aufsteigende Stern“ am Himmel des europäischen Jazz angesehen. Eva Klesse trat gemeinsam mit ihrem seit vier Jahren existierenden Quartett auf. „Was würden Sie denken, wenn eine Geschichte mit folgenden Worten beginnt:„Treffen sich ein Sachse, ein Bayer, ein Russe und eine Westfälin“? So stellte die Schlagzeugerin recht kurzweilig aufgelegt ihre Combo vor.

Zuvor gab es natürlich noch lobende Worte der Jury bestehend aus dem Festivaldirektor l Fritz Schmücker, Waldo Riedl (domicil Dortmund) und Lena Jeckel (Bunker Ulmenwall Bielefeld) zu hören: „Eva Klesse beeindruckt mit einem dynamischen Spiel, beherrscht feinste Nuancen und zarteste Töne. Sie überzeugt als Schlagzeugerin, Bandleaderin und Komponistin. In ihrem seit vier Jahren bestehenden Quartett prägt sie die Musik, eröffnet aber zugleich ihren Mitspielern alle Möglichkeiten, sich zu entfalten. Am Ende entsteht ein eigener Gruppensound auf Augenhöhe. Eva Klesse ist kreative Gestalterin mit identifizierbarer Handschrift und kongeniale Partnerin zugleich.“Neben Eva Klesse umfasst das Quartett, das vor ausverkauftem Haus zu hören war, den aus Rostow stammende Saxofonisten Evgeny Ring, den Pianisten Philip Frischkorn und den Bassisten Robert Lucaciu.

Mit der musikalischen Begegnung mit dem Klabautermann begann das Eva Klesse 4tet seinen musikalischen Vortrag. Nein, heftigen Seegang verspürte man nur gelegentlich. Tief gebeugt saß Philip Frischkorn über dem roten Flügel. Seine Finger huschten über die Tasten, so als folge er dem quirligen Klabautermann, der sein Unwesen treibt. Nie war das rhythmische Element des Stücks überzogen. Mit großer Sensibilität agierte Eva Klesse an der „Schießbude“. Entgleisend war ihr Spiel nie, wenn auch durchaus mit der einen oder anderen große Geste versehen.

Im Weiteren wurden sowohl Kompositionen aus dem jüngsten Album „Obenland“ vorgestellt wie auch bisher unveröffentlichte Kompositionen, die nicht etwa alle von Eva Klesse stammen. Im Gegenteil, in einem Vorgespräch mit mir erläuterte die ausgezeichnete Schlagzeugerin, dass insbesondere ihre Bandkollegen kompositorisch sehr wesentlich zum Gesamtbild der Band beitragen. Das gilt auch für den Altsaxofonisten Evgeny Ring, dem es die „Sieben“ angetan hat. So jedenfalls nannte er eine seiner Kompositionen, die zu hören waren. Dabei erwies sich der Saxofonisten wie auch in anderen Beiträgen des Abends als feinfühlig agierend und mit Sinn für die zarten Nuancen.

Beim Solo des Bassisten Robert Lucaciu vermeinte man, Siebenmeilenstiefel zu vernehmen. Kurz angebunden und eher auf Attacke ausgerichtet, zeigte sich das Schlagwerkspiel von Eva Klesse. Derweil öffnete Evgeny Ring für uns einen durchscheinenden Vorhang mit allerlei Klangbeigaben. Schlug es nicht immer mal wieder Sieben, auch dann, wenn Eva Klesse zwischen Snare und Toms sowie großen Becken wechselte? Tempoverschärfungen machten einen Teil der Dramaturgie des Vortrags aus, und man wartete stets auf die eruptive Entladung, die jedoch, warum auch immer, ausblieb. Mit starker Basssetzung und mit ausgereiftem Überkreuzspiel wusste der Pianist beim „Siebener-Drama“ zu überzeugen. Auch er zog wie die anderen Bandmitglieder das ganze Register, laut und leise, schnell und verzögert, gestisch und zurückgenommen. Ein Hingucker war ohne Frage, das Schlagzeugspiel von Eva Klesse, fließend, tänzerisch, nicht verkrampft und bemüht, ob nun die Besen, die Sticks oder die Hände über Felle und Bleche wischten, die Blechränder streiften oder die Bleche von unten trafen.

Dass auch ein Hip-Hopper und Funkmusiker wie Jan Delay für eine Jazzkomposition Anregung geben kann, erfuhren die Anwesenden bei der „Ballade auf zwei Beinen“, die auf eben diesen Jan Delay zurückgeht. Dass nicht nur die leisen Töne, sondern auch pures Drama und aufgeladene Energie in der Band schlummerte, erlebte man bei „Back and Forth“. Da wurde auf die Tasten des roten Flügels gehämmert, die Saiten des Basses hart gezupft. In den Sequenzen des Atemrohrs zeigten sich das Unstete und die Unruhe. Energetische Schlagwirbel, die man wahrnehmen konnte, standen für die Anspannung und Entladung, die einem wechselvollen Leben fast auf der Überholspur innewohnen. Der Titel war im Übrigen entstanden, als Eva Klesse zwischen ihren Wohn- und Studienorten New York und Leipzig pendelte.

Ohne Zugabe entließ das aufmerksam zuhörende Publikum die Band nicht. Zum Schluss präsentierte die Band eine Komposition des Pianisten Philip Frischkorn. Der Hinweis auf die jüngst erschienene CD durfte im Anschluss auch nicht fehlen.



Nordafrika und Europa: Jacky Terrasson, Stéphane Belmondo und Majid Bekkas

Schon die Ankündigung des Gigs durch Fritz Schmücker ließ erahnen, dass nicht etwa ein Trio präsentiert wurde, sondern das Duo Terrasson (Piano) und Belmodo (Trompete), zu dem der Oud- und Guembri-Spieler Majid Bekkas als Gast hinzugebeten wurde. Über weite Strecken bestritt daher das genannte Duo das Konzert, dabei wechselte Belmondo zwischendrin von Trompete zum Flügelhorn. Auch eine Schnecke, wohl eine Tritonschnecke, kam als Instrument zum Einsatz, wenn der Berichterstatter dies richtig identifiziert hat. Dabei nutzte Belmondo den geöffneten Körper des Flügels zeitweilig als Resonanzraum für sein Spiel. Ein derartiger Ansatz ist nicht gänzlich originell, denn auch der Sopransaxofonist Javier Girotto pflegt bei seinem Duett mit der Pianistin Soo Cho einen derartigen Spielansatz.

Über weite Passagen folgte man einem ausgereiften Dialog zwischen Jacky Terrasson und Stéphane Belmondo. Terrasson verstand es dabei immer wieder,  besonders rhythmisch zu agieren. Sehr auffallend war, dass Belmondo durchaus die leisen Register zog. Wie bereits bei einem Konzert in anderer Besetzung in St. Ingbert hatte es den Anschein, dass sich Terrasson musikalischer Versatzstücke bediente, während er spielte. Vielfach war sein Spiel von einem brummenden Vokalklang begleitet, teilweise auch von Oberton-Singen. Auch Etüdenhaftes schien in das Spiel des Duos eingewoben zu sein, oder? Gab es nicht auch Zitate, die auf Coltrane zurückzuführen waren? Wurde nicht auch die französische Nationalhymne ins musikalische Konzept eingewoben?


Als Bekkas zum Duo dazustieß, änderten sich die Hörfarben nur minimal, denn die klangliche Bandbreite einer Guembri ist schlicht begrenzt. So agierte Bekkas mit einer gewissen Redundanz, die Belmondo und Terrasson jeweils aufgriffen. Sehr passend waren dabei die gehauchten Trompetenpassagen, gleichsam ein Kontrapunkt zu den Tieftönen der Guembri. Man gewann den Eindruck der tonalen Zerbrechlichkeit, die auf das Erdige der Guembri stieß. Ob Bekkas, als er dann auch gesanglich zu hören war, Traditionelles aus der Gnawa-Kultur anstimmte, wurde nicht vermittelt. Verbale Kommunikation mit dem Publikum schien aus der Sicht der Musiker eh überbewertet und unterblieb leider.



Zum Ausklang: Lucia Cadotsch "Speak low"

In der Ankündigung des Trios um die aus der Schweiz stammenden Sängerin Lucia Cadotsch – ihr zur Seite standen versierte Improvisationskünstler wie der schwedische Tenorsaxofonist Otis Sandsjö und der gleichfalls aus Schweden stammende Bassist Petter Eldh – war von einer eigenwilligen Interpretation von Standards die Rede. Was das bedeutete, konnte man im Konzert erleben.

Nein, „Emily“ oder „You are so beautiful“ standen nicht auf dem Programm, dafür aber „Strange Fruit“, von Billie Holiday 1939 im Café Society in New York vorgetragen. Dass Holiday dabei politisch zu den Lynchmorden an afroamerikanischen Einwohnern der Südstaaten Stellung nahm, wurde allerdings von Lucia Cadotsch nicht mit einer Silbe erwähnt. Sie schwieg sich auch zur Aktualität des Songs aus, obgleich Rassismus mit der Wahl von Trump als Präsidenten der USA wieder hoffähig gemacht worden ist. „White Supremacy“ steht nunmehr ganz oben auf der Tagesordnung. Auch der Klan hat nunmehr wieder Oberwasser und rottet sich verstärkt in aller Öffentlichkeit zusammen. Man mag einwenden, dass solche Hinweise keinen Platz bei einem Jazzkonzert haben. Doch weit gefehlt, Jazz war immer auch ein Statement, ein Statement der Afroamerikaner – und das gilt auch heute noch. In dem Verschweigen des Kontextes des Songs zeigt sich m. E. schon eine gewisse Unbedarftheit der Sängerin Lucia Cadotsch. Wer sich an einen derartigen Titel wagt, der nimmt sich eben Großes vor und muss auch Größe zeigen.

Doch der Reihe nach: „Hush now, don't explain / Just say you'll remain /I'm glad you're back, don't explain ...“ waren die ersten Verszeilen, die die zahlreich erschienenen Zuhörer im Kleinen Haus hörten. Billie Holiday ist der Titel „Don't Explain“ zu verdanken, den Lucia Cadotsch ohne jede stimmliche Verfremdung vortrug. Es gab kein Rezitieren, auch keinen spielerischen Umgang mit der Lyrik. Den kreativen Teil des Vortrags schien die Sängerin ihren Mitmusikern zu überlassen, dem erdig aufgelegten Bassisten Petter Eldh und dem Saxofonisten Otis Sandsjö, der sein Atemrohr zum Flirren, Schwirren und Zittern brachte.

Nachfolgend erklang dann eine Kurt-Weill-Komposition namens „Speak low“. Auch dabei glich der Vortrag der Sängerin stilistisch dem ersten vorgetragenen Song. Das sollte sich während des ganzen Konzerts auch nicht ändern und zeigte m. E. Die Grenzen der Schweizer Sängerin deutlich auf. Kein Scat Vocal war zu vernehmen, kein theatralisches Rezitieren, kein Verfremden des Textes. Hätten nicht Textpassagen wie „Southern trees bear a strange fruit, / Blood on the leaves and blood at the root, / Black bodies swinging in the southern breeze, / Strange fruit hanging from the poplar trees.“ eher mit entsprechender Stimmdramaturgie und Wortgewalt denn mit einer wenig tragenden Stimme vorgetragen werden müssen? Hätte man den Text nicht schlicht auch ins Deutsche übertragen und in einer textlichen Verschmelzung vortragen müssen? Gewiss, denn es ging ja bei „Strange Fruit“ um eine wichtige politische Aussage und nicht um einen der vielen süßlichen Songs aus Musicals und Filmen, die zum Repertoire des Great American Songbook gehören.

Um das Experimentelle kümmerten sich während des Konzerts ausschließlich die beiden Instrumentalisten, die auf einer gänzlich anderen Umlaufbahn unterwegs waren als die Vokalistin des Trios. Man hatte streckenweise den Eindruck, die einen sprechen Schwedisch und die andere Schweizerdeutsch. Dass das wenig harmonierte, davon konnte sich jeder Anwesende ein Bild machen, wenn er denn kritisch genug war.

Wie wenig die Stimme von Lucia Cadotsch trug, wurde beim Vortrag des souligen „Ain’t got no/I got life“ deutlich, von Nina Simone im Original gesungen. Nein, Soul lag wirklich nicht in Cadotsch Stimme. Doch eine „schwarze Stimme“ erzwingt m. E. dieser Titel, es sei denn, man löst ihn komplett aus dem Kontext und verfremdet ihn, indem man Teile in andere Sprache transponiert, indem man Rap und Hip-Hop als Elemente des Vortrags hinzufügt und sich vor Wortspielen nicht scheut. So blieben nur die Improvisationen des Bassisten und Saxofonisten als erfrischendes und avantgardistisches Element. Beide mühten sich nach Kräften. Doch sie fanden keinen stimmlichen Widerhall. Der Mehrheit des Publikums hat der gesangliche Vortrag dennoch gefallen, wie dem Beifall zu entnehmen war. Nun ja, das muss man halt einfach mal so im Raum stehen lassen.

Nein, das Festival war mit diesem Auftritt noch nicht zu Ende, aber, wie gesagt, „Weniger ist Mehr“, sodass sich der Berichterstatter schlicht beschränkt hat. 17 Konzerte mit fast 100 Musikerinnen und Musikern aus 15 Ländern zu hören, kann schnell sehr anstrengend werden. Doch Jazz sollte doch Hörvergnügen bedeuten!

Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Renaud Garcia-Fons
http://renaudgarciafons.com/index.php/en/
http://www.jazzhalo.be/articles/renaud-garcia-fons-sort-son-nouveau-cd-la-vie-devant-soi-e-motive-records-le-3-fevrier-2017/
http://www.jazzhalo.be/reviews/cd-reviews/r/renaud-garcia-fons-derya-tuerkan-silk-moon/


Andreas Schaerer
http://www.jazzhalo.be/reviews/cd-reviews/a/andreas-schaerer-arte-quartett-wolfgang-zwiauer-perpetual-delirium/
http://www.jazzhalo.be/reviews/cd-reviews/r/romschaerereberle-at-the-age-of-six-i-wanted-to-be-a-cook/
http://www.hildegardlerntfliegen.ch/de/music-videos

Kalle Kalima
http://www.jazzhalo.be/interviews/kalle-kalima-viertes-wuerzburger-jazzgespraech/
http://www.jazzhalo.be/reviews/cd-reviews/k/kalle-kalima-high-noon/

Lukas Niggli
http://www.lucasniggli.ch/deutsch/



Luciano Biondini
https://de.wikipedia.org/wiki/Luciano_Biondini
http://www.jazzhalo.be/reviews/cd-reviews/r/rita-marcotulli-luciano-biondini-duo-art-la-strada-invisibile/

Silke Eberhard
https://silkeeberhard.com/

Eva Klesse
http://www.evaklesse.de/

Jacky Terrasson
http://www.jackyterrasson.com/
http://www.jazzhalo.be/reviews/concert-reviews/jacky-terrasson-trio-in-st-ingbert-1642016/

Stéphane Belmondo
http://stephane-belmondo.com/

Majid Bekkas
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