The Art of Jazz: New Zealand – new releases (1)

The Art of Jazz: New Zealand – new releases (1)

Various

Rattle Records

http://www.rattlerecords.net/


Jonathan Crayford: East West Moon

Der Pianist Jonathan Crayford ist auf diesem Album mit der gleichen Rhythmusgruppe zu hören, mit der er schon das von der Kritik überaus gelobte Album „Dark Light“ (2014) eingespielt hat. Am Bass erleben wir Ben Street und am Schlagzeug Dan Weiss.

Lesen wir ein wenig im sogenannten Waschzettel zum Album, so lesen wir von einem konzentrierten Minimalismus und einem Moment der Raumtiefe. Die Musik des Albums entstand, als Jonathan Crayford in Berlin lebte, sodass ein Titel wie „Kurt in Berlin“ eben seine Wurzeln in der deutschen Hauptstadt hat. Wer allerdings Kurt ist, weiß allein Jonathan.

Zum Albumtitel führt der Pianist aus: "It's a marriage of two hemispheres, East-West refers to the vast differences we think we see and feel between each other, our different cultures and approaches to living. We are perpetually in conflict over our take on life and someone else's. We form groups, and we want to be identified with the group, but we also want to be individuals. We look out at other groups and say 'Oh, that's a different group, but I'm not part of that, I'm in this group'. But we also see ourselves as 'different' from others in our group, so we have this perpetual fight with who or what we think we are and what we are becoming, which is always in change. Berlin is still haunted by the separation of 'east' and 'west'. People still live with the residue of that in their lives, which I found quite surprising."

Doch bei dem Moment der Spaltung in Ost und West belässt es der Komponist nicht, hat er doch noch den Mond in den Titel eingefügt: "The moon has been meaningful for me for years, as it is for all of us. We can all be different, but we all share the moon. We all share the need to breathe. Instead of holding fast to our presuppositions, we need to look beyond philosophic intransigence and formulate a way forward that is devoid of conflict."


Das mag an O-Tönen genug sein. Zu finden sind auf dem auch sehr lyrisch ausgerichteten Album Songs wie „East West“ sowie „Moon“, aber auch zu Beginn „Subito“ und zwischendrin „Disturbance“ und zum Schluss „Light of the Earth“.

Mit „Aber mal plötzlich“ - „Subito“ - eröffnet das Trio das Album. Was wir hören, ist nicht auffordernd oder fordernd, sondern ausgesprochen lyrisch und auch im Ansatz balladenhaft ausgerichtet. Beinahe hat man den Eindruck, man lausche gefälligem Smooth Jazz. Die musikalische Linie ist bildhaft mit einem schmalen Rinnsal zu vergleichen, das sich durch Wiesenniederungen schlängelt. Derweil wiegt sich das Laub der Bäume im Wind, biegen sich die Ähren des Korns. Idylle pur scheint vermittelt zu werden. Sehr harmonisch abgestimmt sind Klavier und Bass, sodass man sich nach einer Weile der Entspannung hingeben kann. Was „Kurt in Berlin“ anbelangt, erfahren wir auch. Dabei scheint sich die Stimmung des ersten Stücks des Albums auch in dieser Komposition wiederzufinden. Hektik ist fern, Langsamkeit scheint angesagt. Das allerdings ist angesichts der Tatsache, dass in Berlin der Bär 24 Stunden lang im Kettenhemd steppt, doch eher verwunderlich. Doch Jonathan Crayford scheint in Berlin Ecken und Winkel entdeckt zu haben, die beschaulich sind. Wie sonst wäre er auf das vorliegende musikalische Konzept gekommen? Vielleicht hat er Kurt in einem der vielen Kleingärten der Stadt entdeckt. Hier allerdings hat sich eine Gegenwelt zu den Partygängern und Nachtschwärmern etabliert; und hier zwischen Hochbeet und Laube scheinen die Sorgen außen vor zu bleiben. Man kann die Seele baumeln lassen, wie das die Melodielinie und der Duktus des Stücks deutlich zum Ausdruck bringen.

Sind es Bass und Tablas, die da die ersten Takte bestimmen, wenn es um Ost und West geht? Jonathan Crayford folgt einer dezidierten Basslinie, bevor er in den Diskant wechselt, begleitet von dem Klang der Tablas und einem eher dumpf röhrenden Bass. Man hat sogar den Eindruck, im Hintergrund höre man eine Sitar. So fühlt man sich musikalisch in den west-östlichen Diwan entführt. Durch und durch poetisch mutet das Stück an, wenn der Orient auf den Okzident trifft.  „Moon“ lautet der Titel des nachfolgenden Stücks. So als würde der Vollmond die nächtliche Szenerie in grelles Licht eintauchen, klingt das, was anfänglich der Pianist des Trios musikalisch einbringt. Sehr getragen setzt sich der Song fort. Das Leben scheint sich verlangsamt zu haben, wird wohl zum Ausdruck gebracht. Die Passagen im Diskant lassen allerdings auch an aufblitzende Sternschnuppen denken, die da Jonathan Crayford vor unseren Augen vorbeiziehen lässt. Überaus basslastig und behäbig beginnt dann das letzte Stück, betitelt „Light of the Earth“. Ein Funkeln ist nicht zu verspüren., eher Schwerfälligkeit und nächtliche Müdigkeit. Choralhaftes lastet dem Stück m. E. auch an. Übrigens: Das vorliegende Album ist das Jazz-Album des Jahres 2017 in NZ!!

text © fdp

Informationen:

http://www.jonathancrayford.com/


Reuben Bradley: SHARK VARIATIONS

Zu hören ist ein klassisches Saxofontrio mit Reuben Bradley (drums), Roger Manins (saxophone) und Brett Hirst (bass). Das vorliegende Album ist bereits das vierte Album, das Bradley bei Rattle Records veröffentlicht hat. Im sogenannten Waschzettel lesen wir: „'Shark Variations' is alive with vibrant energy, a joyful set of musical explorations of themes and ideas developed over many years.“

Folgende Songs sind zu hören: Den Anfang macht „Wairoa or LA“, gefolgt von „Meeting at Union Square“. Vorgestellt werden außerdem „Don’t be afraid“, „Makos and Hammerheads“ und zum Ende dann „Wake up call“.

Zu Anfang des Albums stellt sich die Wahl zwischen der ehemaligen Maori-Siedlung Wairoa und Los Angeles. Warum das so ist, müsste man Reuben Bradley fragen. Das Stück ist stark rhythmisch strukturiert. Roger Manins ist es zu verdanken, dass man Saxofonpassagen hört, die nicht aufdringlich, sondern zwischen Sanftheit und einem kurzen Aufschrei zu verorten sind. Dass es dabei auch Momente gibt, bei denen man an Soulmusik denken mag, sei an dieser Stelle angemerkt. Sehr interessant gestaltet ist das Zwiegespräch zwischen dem kurz angebundenen Schlagzeuger und dem in langen Bassschwüngen verharrenden Bassisten. Doch am Saxofonisten kommen beide dann zum Ende der Komposition „Wairoa or LA“ nicht vorbei.

New York, Aberdeen und San Francisco haben einen Union Square. Auf welchem dieser Plätze das Treffen stattfindet, von dem im zweiten Song des Albums die Rede ist, wissen wir nicht. Geschäftig scheint es auf jeden Fall zuzugehen. Das jedenfalls vermittelt der Saxofonist, der nicht nur die Fußgänger, sondern auch den sonstigen emsigen Verkehr mit seinem Atemrohr einfängt und dabei auch vor Anwandlungen von „It's funky, funky“ nicht zurückschreckt. Wie ein steter Sog und wie ein permanenter Schwall erscheint das, was Roger Manins mit Verve präsentiert. Zwischenzeitlich hat man den Eindruck, dass  auf dem Platz die Geschäftigkeit nachlasse, was der Bass mit aller Deutlichkeit unterstreicht.

Ein rhythmischer Bass und ein Schlagzeug, das mit Schlägeln bespielt wird, bestreiten bei „Choices“ den Anfang und weite Strecken des Songs, ehe dann ein leicht säuselndes Saxofon auftaucht. Derweil bleibt der Bass in einer stoischen Gelassenheit bei seinem Rhythmusmodus. Über dieser Rhythmusfläche breitet sich der hochflorige Klangflokati des Saxofons aus.

Aggressiv scheinen die Hammer- und die Makrelenhaie nicht zu sein. Musikalisch wird nämlich in „Makos and Hammerheads“ eher die elegante Schwimmbewegung dieser Haie aufgezeichnet. Dabei ist es an Roger Manins, auch mal schnelle Drehbewegung und das Auftauchen mit seinem Atemrohr in charakteristischer Weise zu vermitteln. Ab und an stellt er uns einen Einzelgänger vor, der schnelle Runden dreht, stets natürlich auf Beutesuche. In ähnlicher Weise agiert auch der Bassist Brett Hirst.

Mit einem „Weckruf“ endet das Album, was ein wenig abwegig anmutet, erwartet man diesen doch am Anfang, um die Zuhörer zur Aufmerksamkeit zu zwingen.

text: © fdp

Informationen:

http://reubenbradley.tumblr.com/
https://www.rogermanins.com/


Long - Nunns - Mann: utterance

Die Instrumentierung dieses Trios ist eine Besonderheit, nicht allein weil Richard Nunns eine Reihe von traditionellen Flöten spielt, die einst in der Kultur der Maori von besonderer Bedeutung waren. Diese Instrumente werden unter dem Begriff taonga pūoro zusammengefasst. Dazu gehören Blasinstrumente, die aus Flaschenkürbissen oder Schnecken gemacht werden. David Long ist mit dem Banjo, dem Theremin, einem der ersten elektronischen Instrumente aus dem frühen 20. Jahrhundert, an der mit dem Bogen zu spielende Gitarre und mit weiteren Instrumenten zu hören. Zudem ist die Harfenistin Natalia Mann Teil des Ensembles, die auch als Vokalistin in Erscheinung tritt sowie Zither, Gongs und präparierte Harfe spielt.


Richard Nunns war, als er noch spielen konnte – er ist schwerst an Parkinson erkrankt und musste die Musik aufgeben – eine Quelle der Inspiration für viele Künstler weltweit. Die Aufnahmen zu ‘utterance’ (dt. „Aussage“) sind die Letzten von Nunns, Er hat seine Sammlung von wundervollen taonga pūoro für immer aus der Hand gelegt. Über Jahre hinweg waren diese Instrumente eine Verlängerung seines Atems, seines Herzens, seiner Seele, seiner Stimme. Natalia Mann sagte dazu: “While the recording was a physical challenge for Richard, he more than made up for it with the essential artistry and conception that has resonated throughout all of his work: the courage to walk into unknowing … and to hang out there.”

Aufgemacht wird das Album mit „Perilous Knowledge“ gefolgt von „Old Shadows“ sowie „Spider Shell“. Wir begegnen musikalisch einem Himmelshund („Celestial Dog“) dem kleinsten Planeten des Sonnensystems namens „Mercury“. Weitere Songs sind „We Died Once“ sowie „City of Green“ und schließlich „Begin Again“.

Gleich zu Beginn des Albums wird verdeutlicht, dass experimentelle und elektronische Musik auf dem Programm steht, sprich Effekte eine wesentliche Rolle in der vorgetragenen Musik spielen. Treffen da nicht Klanghölzer auf einen Synthesizer? Nein, es ist wahrscheinlich das Theremin, das wir hören. Zudem vernehmen wir auch das Schwirren der Harfensaiten und eine Flöte, die einer Bambusflöte im Klang ähnelt. Saiten werden gezupft und klingen, als würden die hohen Klangstäbe eines Vibrafons oder kleine Glöckchen und Schellen erklingen. Das ist eine Klangerfahrung, die lediglich 46 Sekunden anhält und mit „Spider Shell“ betitelt ist.

An Gamelan-Musik oder traditionelle Musik aus Myanmar fühlt man sich erinnert, wenn man „Upper Circle, Lower Case“ lauscht. Geprägt ist der Charakter der Musik durch die präparierte Harfe, die Natalia Mann spielt. IBasiert der Song „Celestial Dog“ auf einer chinesischen Legende, in der dieser die Sonne und den Mond verspeist? Diese Frage muss offenbleiben. Neben dem Schwingen von Harfensaiten vernehmen wir einen lang gezogenen Ton, der wohl einem Muschelhorn entspringt. In diesen fällt die Harfe mehrfach ein. Gepuste und ein angeblasener hoher Flötenton sind zu wahrzunehmen. Immer wieder ist das Arpeggio der Harfe interventionistisch aktiv. Vernimmt man da nicht auch Obertonsingen? Oder ist es das geblasene Muschelhorn, das uns diesen Eindruck vermittelt? Vielleicht benutzt Nunns auch eine Nasenflöte. Das ist mit Gewissheit nicht zu sagen, weil dies bei den Angaben zu seiner Instrumentierung auf dem Cover offengeblieben ist. Insgesamt klingt „Celestial Dog“ sehr nach freier Improvisation!

Sucht man nach der Bedeutung und dem Hintergrund für den Songtitel „City of Green“, so stößt man auf eine Ortschaft im Nordwesten von Ohio. Welche Beziehungen die drei Musiker zu dieser Ortschaft haben, wird in den Liner Notes nicht aufgeführt. Nur ihre musikalische Umsetzung der City of Green ist beschreibbar. Zwei Saiteninstrumente treffen aufeinander, zum einen melodisch, zum anderen rhythmisch ausgelegt. Ist das mittels Sampling oder verfremdeter Loops zustande gekommen? Vermutlich. Immer wieder kreuzen Tonwellen, die am Theremin erzeugt werden, die Saitenläufe. Vielleicht ist hier und da auch eine Zither mit von der Partie, obgleich das Saitengeschwirr vornehmlich harfenlastig erscheint.

„Begin Again“ heißt es zum Schluss. Zu Beginn meint man ein Udu zu hören, zu der eine Art Nasenflöte klassischer Art dazukommt. Wellenförmige Klangströme breiten sich aus. Jaulen ist zu vernehmen. Welches Instrument dazu genutzt wird, ist ein Fragezeichen. Wird da ein gestrichenes Banjo mit Effekten verzerrt und verfremdet? Manchmal denkt man beim Zuhören, dass auch ein chinesisches Wölbbrett von einem der Musiker eingesetzt wird. Exotische, fernöstliche Klänge und ungewohnte Klangstrukturen für europäische Ohren bleiben beim letzten Stück nachhaltig im Gedächtnis haften. Ob man das nun vorliegende Album nun dem Cross-over, der experimentellen Weltmusik oder dem Jazz zurechnet, dürfte den Musikern schlicht egal sein.

text: © fdp

Informationen:

https://en.wikipedia.org/wiki/David_Long_(New_Zealand_musician)
http://www.richardnunns.net.nz/, http://www.nataliamann.com/


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