Deep Schrott: The Dark Side of Deep Schrott Vol. 2

Deep Schrott: The Dark Side of Deep Schrott Vol. 2

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Nein, der Albumtitel klingt nach Pink Floyd, aber die Musik gewiss nicht.

Die tieftönigen Ateminstrumente von Wollie Kaiser, Andreas Kaling, Jan Klare und Dirk Raulf sind auch nicht aus Schrott, obgleich der Gedanke an den Gebrauch von wiederverwertetem Material etwas hat. Die 2008 gegründete Band ist laut eigener Bekundung das einzige derartige Saxofonquartett mit ausgefeilten Basstiefen. Vorgelegt wird nun das vierte Album des Ensembles. Dieses enthält neben eigenen Kompositionen wieder eine Reihe von Bearbeitungen und Widmungen, so  Kompositionen Franz Schuberts und auch Hanns Eislers, insgesamt opulente 77 Minuten Musik. Dass die Welt des Rocks im Leben der Musiker durchaus eine Rolle spielt, aber gewiss auch der Free Jazz eines Albert Aylers, unterstreicht das Album außerdem. Auf diesem sind unter anderem „Thunderstruck“ von AC/DC, „Lost Keys“ und „Rosetta Stoned“ von Tool sowie „Lake of Fire“ von den Meat Puppets zu hören. 17 Minuten umfasst eine Suite mit sieben Stücken Eislers wie das wiederkehrend eingestreute „Das Einheitsfrontlied“ sowie „Lied einer deutschen Mutter“, „Mutter Beimlein“ und „An die Nachgeborenen I & II“. Dass auch ein Frühromantiker wie der österreichische Komponist Franz Schubert mit seinen Liedern „Das Wirtshaus“ und „Der Leiermann“ aus der "Winterreise" sowie „Meeres Stille“ Aufnahme auf dem Album fand, ist dann doch überraschend und ein gänzlicher Kontrast zu dem „revolutionären Werk“ Eislers.

Einem Trauermarsch gleicht der Eröffnungssong namens „Our Prayer“ von Albert Ayler. Obgleich ja vier Basssaxofonisten am Werk sind, erfreut man sich nicht nur an Tieftönigem als Hörgenuss. Irgendwie mischt sich auch eine Tenorstimme unter die tief brummelnden Atemrohre, oder? Diese „hohe Stimme“ hat zeitweilige die Melodieführung in der Hand. Irgendwie wartet man im Verlauf des Stücks darauf, dass ein New-Orleans-Sound zum Tragen kommt und sich nach der eigentlichen Bestattung der Marsch der Trauernden in einen Freudentanz verwandelt. „When the Saints go marching in“ drängt sich auf und wird doch nicht umgesetzt, denn Deep Schrott ist keine Marching Band!
 
Aus der Feder von Andreas Kaling stammt das nachfolgende „Buried Alive“. Tief wird getrötet, rhythmisch stark akzentuiert zudem. Und wir tanzen keinen Tango, sondern den Pogo dazu – so der Eindruck beim Rezensenten. Zugleich könnte man die Komposition auch als „Pogo-Ballett der Schiffsnebelhörner“ titulieren, oder? Lässt man die Redundanz von einzelnen Sequenzen Revue passieren, so scheint auch eine gewisse Nähe zu den Rhythmuslinien von House, Rap und Techno gegeben. „Beely Heart“ ist gleichfalls eine Eigenkomposition, die jedoch Jan Klares geschrieben hat. Ähnlich bewegt wie „Buried Alive“ kommt der Song daher. Wären statt der Atemröhren elektrische Gitarren mit Distortions und anderen Effekten im Einsatz, so könnte der Song gut und gerne als Rocksong durchgehen, wenn man nicht gar von Hard Rock reden müsste. Gab es in der Geschichte nicht auch Bands, die ganz auf röhrende Bläsersätze abgestellt waren? Man denke in diesem Zusammenhang an Chicago und an Blood, Sweat and Tears. In diesem Kontext könnte man Deep Schrott mit Klares Song auch sehen. Insgesamt ist der Song mit seinen Aufs und Abs sowie einer starken Basslinie gleichsam ein rockiges Wellenrauschen mit und ohne Gischt.

Nachfolgend widmet sich das Quartett der Musik Hanns Eislers. Dabei wird bewusst auf den Text verzichtet. So vermeidet man auch die Nähe zur Interpretation der Eisler Kompositionen wie zum Beispiel von Ernst Busch. Den Text von Bert Brecht: „Drum links, zwei, drei! Drum links, zwei, drei! / Wo dein Platz, Genosse, ist! / Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront, / weil du auch ein Arbeiter bist.“ muss man sich halt mitdenken. Angesichts der präsentierten musikalischen Variationen bei untergelegtem Marschrhythmus ist dies nicht immer einfach. In das „Gerüst“ des „Einheitsfrontliedes“ haben Deep Schrott auch andere bekannte „Hymnen der Arbeiterbewegung“ eingewoben, so „Panzerschlacht“ und „Lied einer deutschen Mutter“. Letzteres hat Bert Brecht getextet. Bekannt ist es durch den Vortrag von Gisela May. Der Zyklus von Eisler-Kompositionen endet dann mit „Und endlich“.

„Lake of Fire“ heißt es auf dem Album und nicht „Light my fire“ (The Doors), obgleich eine gewisse harmonische Verwandtschaft hier und da nicht ganz zu überhören ist, oder? Rotzig-frech agieren dabei die riesigen Atemröhren, die bisweilen auch den Bariton bedienen, obgleich sie eigentlich im Bass daheim sind. Dank der geblasenen Basssequenzen vermisst man einen Kontrabass überhaupt nicht. Gleiches gilt für das klassische Harmonieinstrument, das Piano. Die Männer von Deep Schrott haben das Blech fest in der Hand und agieren selbstbewusst in beinahe allen Lagen.

„Careful With The Spirits“ wurde von Jan Klare verfasst, der dabei sein Augenmerk auf eine sehr ansprechende Melodielinie gelegt hat. Gemächlich ist das Tempo des Songs. Herbstlich-winterlich ist die ausgestrahlte Stimmung. Alles scheint ein wenig dem Winterschlaf nahezukommen. Doch auf halbem Weg gibt es nochmals ein temporeiches Ausbrechen. Es scheint wie ein letztes losgelöstes Tanzen, bevor die Kälte die vorhandene Energie einfriert.

Arrangiertes Liedgut von Schubert steht nachfolgend auf dem musikalischen Menüplan. „Das Wirtshaus“ macht dabei den Anfang. Doch Ausgelassenheit verspürt man gar nicht, wenn man zuhört. Man muss eher an Leichenschmaus mit einer melancholisch gestimmten Begleitmusik denken.  Angesicht der nachstehenden Liedzeilen ist das nicht weiter verwunderlich: „Auf einen Totenacker / Hat mich mein Weg gebracht; / Allhier will ich einkehren, / Hab ich bei mir gedacht ...“.  „Der Leiermann“ und „Meeres Stille“ runden den Schubert-Zyklus des Deep-Schrott-Albums ab.

Weiter geht es mit der Dark Side Suite und schließlich kumuliert das musikalische Crescendo von Deep Schrott in „Thunderstruck“ von AC/DC. Mit diesem fetzigen Rocktitel schließt sich der Kreis der „dunklen Seite“ von Deep Schrott. Was für ein gewaltiges Hörerlebnis!  

Text © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Deep Schrott
http://www.deepschrott.de
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