Bernhard Schüler: im Gespräch mit dem Pianisten des Jazz-Trios triosence

Im Vorwege einer ausgedehnten Konzerttour anlässlich der Herausgabe der jüngsten CD, die ein Best of in einem Livemitschnitt präsentiert und den Titel "One Summer Night" trägt, hatte ich die Gelegenheit mit Bernhard Schüler, der in Bremen lebt, ausführlich zu sprechen.

In Abwandlung einer Titelzeile die Frage "Is there a thing called Jazz"?

Dass es Jazz gibt, steht ja wohl außer Frage. Dennoch ist das ein sehr weites Feld. Jazz umfasst ja unglaublich viele Stilistiken. Von daher kann man von dem (!) Jazz gar nicht sprechen. Die Musik, die ich mit triosence mache, ist wahrscheinlich auch kein Jazz im herkömmlichen Sinne. Ich weiß nicht, ob Sie meinen jüngsten Infotext gelesen haben? Ich habe mir nämlich einen neuen Namen für die Band überlegt, um auf den Punkt zu bringen, worum es in unserer Musik geht. So habe ich dann den additiven Begriff Song-Jazz kreiert, weil bei uns die Songs halt im Vordergrund stehen. Hm, wie soll man sagen, sehr klare, strukturierte Songs im Vordergrund stehen; ein wenig wie in der Popmusik fast, mit klaren Strukturen. Sehr viel zeitgenössische Jazzmusik ist ja formlos, kann man sagen. Es gibt sehr viele freie Elemente. Da ist bei triosence ein bisschen anders.

Bedeutet das, dass Sie eine Musik spielen, die weitgehend notiert ist?

Nein, das auch nicht. Bei uns gibt es eine klare Melodie bzw. eine klare Songstruktur im Vordergrund. Wir improvisieren über die Songs schon, aber es ist trotzdem schon viel arrangiert. Improvisation ist natürlich immer vorhanden. Ich denke, dass dies das Hauptmerkmal von Jazz ist. Ja, was alle (!) Jazzmusik gemeinsam hat, dass es improvisierte Musik, ob es Bebop, Fusion oder zeitgenössischer Jazz ist oder was auch immer, ist das Element der Improvisation das Verbindende.

Einer meiner Interviewpartner aus den letzten Wochen sagte auf die Frage, was Jazz sei, es sei Freiheit und er schreibe eigentlich nur 50 Noten nieder und dann improvisiere er darüber. Ist das bei Ihnen ähnlich?

Das ist bei uns anders. Da unterscheiden wir uns auch von anderer zeitgenössischer Musik. Unsere Musik ist sehr klar. Das kommt daher, dass die Musik sehr durchdacht und stark ausgearbeitet ist. Es ist nicht alles Note für Note aufgeschrieben, aber ist viel arrangiert und auch in der Band besprochen, was man an bestimmten Stellen halt macht. Das schafft Klarheit. Ich sehe mich hauptsächlich als Songwriter und Komponist und weniger als Improvisator.

Bei Ihrem Auftritt bei Jazz am Schloss in Rheine hat der Schlagzeuger seinen eigenen Körper zum Schlagwerk gemacht. War das abgesprochen? War das Zufall? War das arrangiert?

Das ist eine Idee von Stephan Emig gewesen. Die setzt er bei jedem Konzert um, aber immer auch mal in Abwandlungen – so kann es von der Länge variieren, aber es ist improvisiert. Dass er Body-Percussion macht, das ist festgelegt. Wie und was er genau macht, ist dann seine Entscheidung und überrascht uns auch selbst.

Gewiss, auch für das Publikum war es wohl eine Überraschung. Da sprang der Funke auch über. Es entstand eine Art Dialog zwischen Bühne und Zuschauerraum. Die Einbeziehung des Publikums in der Art, dass das Publikum mitjammt, scheint mir eher ungewöhnlich.

In der Beziehung machen wir uns schon Gedanken. Wir kreieren ja auch Regen auf der Bühne – siehe die Stücke „Summer rain“ und „Winter rain“. Es gibt mittlerweile so viele Klaviertrios, dass wir uns schon aktiv Gedanken machen, wie man das alles aufbrechen kann. Wir nutzen ja ungewöhnliche Perkussionsinstrumente wie einen Regenstab, in dem kleine Kugeln im Inneren den Stab herunterprasseln, und Kalimbas („Daumenharfe“), sodass das Klangefüge des klassischen Klaviertrios aufgebrochen und erweitert wird. Das Publikum in unsere Musik einzubeziehen, ist überaus wichtig. Ich erzähle ja bei den Konzerten recht viel zu den Stücken. Das schafft auch nochmals eine Verbindung zu den Konzertbesuchern. So können sich die Leute viel mehr vorstellen unter der Musik, wenn man sie mit Bildern oder einer Geschichte assoziieren kann.

Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen, Geschichten, teilweise ja private Geschichten, zu erzählen? Ich erinnere mich an die Geschichte Ihrer Begegnung mit einer sehr attraktiven Frau in der Musikhochschule und der Tatsache, dass aber daraus keine Liebesgeschichte entstanden ist. Das ist privat und einige Musiker, die ich gesprochen habe, sind eher sehr, sehr zurückhaltend, Einblick ins Private zu gewähren.

Das finde ich ein bisschen schade. Ich habe nicht so negative Erfahrungen gemacht. Ich habe es eher als eine Stärke empfunden, wenn Leute authentisch und ehrlich sind sowie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen. Das interessiert die Leute im Endeffekt auch. Natürlich muss man auch auf sich aufpassen. Meine Musik ist sehr persönlich, und dann muss ich auch ein Stück der Geschichten zu der Musik teilen. Ich sehe es als extrem sympathisch an, wenn ich Geschichten von anderen Musikern höre.

Was steht denn am Anfang einer Komposition und Ihrem von mir als lyrisch-melodisch bezeichneten Pianojazz? Sind es Bilder? Sind es persönliche Erfahrungen und Erlebnisse?

Ganz genau verstehe ich es auch nicht. Es muss auf alle Fälle ein Gefühl da sein, damit ein gutes Werk entstehen kann. Dassind dann häufig Begegnungen mit Menschen, wenn man verliebt ist oder sich getrennt hat. Das kann ich in der Musik intuitiv verarbeiten, wenn ich emotional sehr aufgewühlt bin. Dann kommen mir Ideen, die mir sonst nicht kommen. Das ist eigentlich ein „magischer Moment“ und es entzieht sich meiner Kontrolle. - Das kann ein schöner Urlaub sein, aber auch ein Streit. Dann ist eine andere Energie da, die ich am Klavier umsetzen kann, aber wie das dann passiert, begreife ich selbst nicht. Das macht auch den Reiz aus. Übrigens: Mich haben häufig schon Filme inspiriert, Stücke zu schreiben, weil man dadurch häufig emotional sehr mitgenommen wird.


Ingo Senst und Stephan Emig

Sie sind der Spiritus rector der Band und auch der Macher bezogen auf die einzelnen Stücke?

Das ist so, aber das heißt nicht, dass ich meinem Schlagzeuger und meinem Bassisten immer sage, was die beiden genau tun müssen. Gerade was den Groove anbelangt, ist Stefan (Emig) sehr kreativ. Er schaut, was angemessen ist, aber manchmal macht er auch Sachen, die dem entgegengesetzt sind. Das ist manchmal bereichernd, dass Ideen der anderen mit einfließen.

Sehen Sie Ihre Wurzeln im amerikanischen oder europäischen Jazz? Und in welcher Weise? Ist es also eher die Klassik oder doch das Great American Songbook von Oscar Peterson bis …?

Das ist bei mir so eine Mischung. Ich bin aufgewachsen mit Oscar Peterson, den mein Vater rauf und runter gehört hat. Genau deswegen hatte ich als Teenager darauf keine Lust. Ich habe dann viel Keith Jarrett, Jan Garbarek und Pat Metheny gehört. Ich habe ursprünglich auch Saxofon gespielt und daher auch Weather Report und Bill Evans gehört. Man lässt sich von allen möglichen Sachen beeinflussen. Klassik habe ich, als ich jung war, nicht gespielt. Viele Menschen sprechen mich darauf an, weil sie meinen, das in meiner Musik zu hören. Ich habe Klassik gehört, aber nie gespielt.

Wann und warum machte es bei Ihnen klick und Sie wussten, Jazz ist mein Ding?

Die Entscheidung ist während der Oberstufe und nach dem Abitur gefallen, Musik zu studieren. Als Teenager habe ich hauptsächlich Saxofon gespielt und war auch im Landesjugendjazzorchester in Hessen. Die Entscheidung ist erst so mit 18 gefallen, Musik zum Beruf zu machen. Ich komme aus einem Lehrerelternhaus, in dem es zur Allgemeinbildung gehört, Klavier zu spielen. Mein Vater war Oscar-Peterson-Fan, aber dass ich Musiker werde, das hat er sich sicherlich nicht gewünscht. Die Entscheidung für Jazz kam auch dadurch, dass ich in der Schulband und anderen Bands Musik gemacht habe. So kam eins zum anderen.

Sie spielen ausschließlich in Ihrem Trio?

Also triosence ist ein Fulltime-Job, aber seit ich in Bremen lebe, habe ich noch eine andere Band gegründet und spiele auch beim Bassisten Sigi Busch.

Sind die Geschichten für Ihre Kompositionen erst da und dann die Titel?

Ja, klar. Eigentlich immer so. Man guckt halt, was passt. Der Anfang ist intuitiv. Dann geht man handwerklich vor, und am Schluss zieht man mit dem Titel ein Resümee. Der Titel hat aber nicht zwangsläufig immer etwas mit der Geschichte zu tun. Bisweilen entsteht in der Musik ein markantes Merkmal, das den Titel prägt.

Worin liegt die Zukunft des Jazz, den Sie machen? Wohin wollen Sie? Haben Sie eine Vision?

Ich habe nicht die nächsten zehn Jahre durchgeplant, aber ein paar Projektideen habe ich schon, auch mit dem Trio. Die Live-CD war eine wichtige Sache. Ich kann mir aber zukünftig vorstellen, mit mehreren Gästen aufzutreten. Ich könnte mir vorstellen, verschiedene Instrumentalisten auf einer Platte zu featuren. In ferner Zukunft wäre es ein Traum mit triosence und einem großen Orchester zu spielen. In welche Richtung die Musik geht, das kann man vorher schlecht sagen, da man ja vom Zeitgeist getragen und beeinflusst wird, aber auch was einem im Leben so widerfährt. Man lässt sich aber auch von anderen Musikern anregen. Ich gehe zum Beispiel auf Konzerte und lasse mich dann auch inspirieren.

Wie sehen Sie denn die Grenzüberschreitung des Jazz zu Techno, House oder anderen zeitgenössischen Stilrichtungen?

Ich habe da auf alle Fälle keine Berührungsängste. House und Fusion Grooves werden von uns immer mal wieder verwendet. Da habe ich auch keine Hemmung, das einzubauen. Gerade in der Verbindung mit anderen Genres kann ja überhaupt etwas „Neues“ entstehen. Was mich als Nächstes inspiriert, kann ich heute nicht sagen. Bei triosence gibt es einige Stücke, die Latino-Elemente aufweisen. Das ist überhaupt nichts bahnbrechend Neues

Was war der Anlass für die Best of-CD und was ist die Herausforderung an einer Live-CD?

Na man hat nicht so viele Versuche wie bei einer Studioproduktion. Die CD ist der Mitschnitt des letzten Auftritts der vergangenen Tour. Auch das ist etwas Besonderes, weil Livemitschnitte zumeist von mehreren Konzertauftritten gemacht werden, um dann die besten Rosinen herauszupicken. Bei uns geschah das an einem Abend. Es war ein Glücksfall, dass diese CD nun erschienen ist, da der Mitschnitt als ein internes Produkt der Band gedacht war. Wir haben einen Mäzen in Überlingen am Bodensee, der die CD turning points mitfinanziert hat. Herr Wilhelmi, ein Fan von triosence, Mitinhaber der Buchinger Wilhelmi Fastenklinik und unser Mäzen, wollte zum 60. Geburtstag der Fastenklinik eine Live-CD produzieren lassen, als Geschenk für seine Gäste gedacht. Ich hatte nie gedacht, das das mit einem Konzertmitschnitt etwas werden könne. Es ist aber doch etwas geworden. Viele der Aufnahmen auf One Summer Night sind aus turning points genommen worden, weil wir halt mit diesen Stücken durch die Tour mit 70 Konzerten am besten vertraut waren.

Text und Fotos Ferdinand Dupuis-Panther, 2014


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